GASTBEITRAG

Mit Vielfalt zum Erfolg

Vor zwei Jahren war ich Teil einer internationalen Delegationsreise. Ausgewählt vom US State Department, reisten wir, 47 Unternehmerinnen aus 47 Ländern, drei Wochen durch die USA und trafen auf Unternehmer/innen unterschiedlichster Bereiche. Kurz vor der Reise war ich der festen Überzeugung: Das wird toll. War es auch – doch zwischendurch war es auch ziemlich anstrengend.

Wenn 47 Menschen unterschiedlichster Lebensentwürfe, Werte und Sozialisationen aufeinandertreffen, kann sich jeder vorstellen, dass Konflikte vorprogrammiert sind. Und die gab es zuhauf. Beginnend bei Stereotypen, die jede von uns dermaßen bediente, dass es schon filmreif war: Ich bediente beispielsweise den Stereotyp der immer pünktlichen und zur Ordnung rufenden Deutschen. Meine Kolleginnen aus den arabischen Ländern bedienten den Stereotyp der shoppenden, immer zu spät kommenden und sehr gebildeten Vertreterinnen.

Die Unterschiedlichkeit der Gruppe kam besonders dann zutage, wenn wir in der Gruppe diskutierten oder zu bestimmten Themen, wie beispielsweise Führung, arbeiteten. Das Führungsverständnis meiner spanischen war ein komplett anderes als das meiner niederländischen Kollegin. In keiner Zeit habe ich so viel über Vielfalt, die daraus resultierende Kraft und Leistungsfähigkeit eines Teams gelernt wie während dieser Reise.

Vielfalt führt zu besseren Ergebnissen, erfordert aber vor allem: Geduld

Dass Vielfalt zu besseren Ergebnissen führt und damit Organisationen wettbewerbsfähig aufstellt, ist hinlänglich bekannt. So zeigt die von McKinsey durchgeführte Studie „Delivering through diversity“, dass eine höhere Diversität mehr Rentabilität und Wertschöpfung bewirkt. In Zahlen bedeutet dies, dass die Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel und innovativ zu sein, um 33 Prozent höher ist, wenn Teams, nicht nur was die Geschlechter betrifft, sondern auch in ethnischer Hinsicht, divers sind.

Diversität ist aber eben nun mal auch anstrengend. Es braucht Geduld, Toleranz, Akzeptanz, Resilienz – denn je diverser Teams sind, desto vielfältiger sind auch deren Erfahrungen, Expertise und vor allem Meinungen. Natürlich scheint es auf den ersten Blick angenehmer und einfacher, mit Menschen zu arbeiten, die eine ähnliche Meinung vertreten wie man selbst, aber es ist eben auch weniger innovativ.

Verbände sind hier in besonderer Weise gefragt: Denn sie sind es, die in der Regel sehr vielfältige Interessen vertreten müssen. Je größer der Verband, desto diverser auch die Interessengemeinschaft – von jung bis erfahren, von modern bis traditionell, von analog bis digital. Umso wichtiger ist es auch hier als Verband selbst, all diese Erfahrungswerte zu kennen und Mitarbeiterinnen sowie Mitarbeiter zu haben, die mit der Diversität umzugehen wissen. Doch wie können sich Verbände divers aufstellen?

Neue Formen der Vernetzung und digitale Kommunikation

Um Diversität zu leben, muss Vernetzung auch neu gedacht werden. Ich bin fest davon überzeugt: Die Zeit exklusiver Netzwerke ist vorbei. Für Verbände heißt das, dass Veranstaltungsformate hierarchieübergreifend gedacht werden müssen. Dann erreichen sie auch Zielgruppen, die außerhalb der „üblichen Verdächtigen“ liegen.

Auch die Arbeit innerhalb des Verbands muss hierarchieübergreifend sein. Weg mit starren Titeln und Positionen, hin zu projektbezogener und agiler Arbeit. Eine zweite Maßnahme, um Vielfalt voranzutreiben, ist, auf digitale Kommunikation zu setzen. Nur wer sichtbar ist, findet statt. Gerade für kleine Verbände, die keine Kapazitäten für Presseabteilungen haben, sind die digitalen Kanäle eine Chance, auch Menschen außerhalb der „Filterblase“ zu erreichen.

Insbesondere junge Menschen wollen wissen, wer die Gesichter hinter der Organisation sind, für die sie sich bewerben. Nicht jede/r Verband oder Verbandsvertreter/in muss einen Twitter-Account haben, aber das Verständnis für die Kanäle und die Bereitschaft, den Blick hinter die Kulissen zu gewähren, muss da sein, wenn auch vielfältigere Menschen erreicht werden wollen.

Wer sich auf vielfältigere Teams einlässt, wird einen langen Atem brauchen, aber genau das ist der Schlüssel zum Erfolg!

von Tijen Onaran
Unternehmerin und Beraterin

Die Unternehmerin, Moderatorin und Speakerin engagiert sich mit Global Digital Women für die Vernetzung und Sichtbarkeit von Frauen in der Digitalbranche. Zudem publiziert Tijen Onaran regelmäßig als Mitglied des Handelsblatt-Expertenrates Artikel rund um die Themen Digitalisierung, Unternehmertum und Diversität.

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