GASTBEITRAG

Mutig sein, Verantwortung übernehmen!

Der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen e. V. (BDIU) vertritt die Interessen von weit über 500 Inkassounternehmen in Deutschland. Das macht er in stetem Dialog mit Stakeholdern aus Politik, Medien, anderen Verbänden, aber natürlich auch im Dialog mit den eigenen Mitgliedern. Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg verbandlicher Arbeit, denn nur im Dialog lassen sich Meinungen austauschen, Wissen weitergeben, Dissens kann zu Konsens werden.

„Reden hilft“ – also der Dialog – ist fast zu einer Art „Mantra“ für mich geworden, gerade in Zusammenhang mit einer erklärungsbedürftigen Dienstleistung wie Inkasso, die teilweise in der öffentlichen Wahrnehmung auch kritisch gesehen wird. Und diese Dialogbereitschaft ist – neben vielen anderen Fähigkeiten – eine der besonderen Stärken von Frauen. Insbesondere in öffentlichen Ämtern, eben auch in Ehrenämtern, sind diese besonderen Fähigkeiten ein echter Glücksfall für einen Verband, aber auch für die Gesellschaft an sich.

Die Inkassobranche ist seit langer Zeit – ich blicke auf 22 Jahre Branchenerfahrung zurück – weiblich geprägt. Eben weil man darum weiß, dass Frauen über die Empathie verfügen, die den Beruf eines Inkassounternehmers einfacher macht. Aber – auch das gehört zur Wahrheit – ich habe in meinen beruflichen Anfängen kaum weibliche Führungskräfte oder Entscheiderinnen gesehen. Das wird erst seit wenigen Jahren anders und ist – auch 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts – noch immer nicht selbstverständlich.

Auch der BDIU hat 60 Jahre gebraucht, um eine Frau an die Spitze zu wählen. Allein die Tatsache, dass es 2016 etwas Besonderes war, als ich gewählt wurde, zeigt, dass wir in Sachen Geschlechtergerechtigkeit noch einen weiten Weg vor uns haben. Diesen Weg müssen wir Frauen aber auch wollen und wir müssen die Gerechtigkeit deutlicher einfordern. Damit meine ich nicht, dass wir männliche Attitüden übernehmen sollten, ganz im Gegenteil, aber wir sollten uns vielmehr das Recht herausnehmen, Forderungen zu stellen.

Dennoch kann ich für meinen Verband sagen, dass Frauen schon sehr lange im Präsidium vertreten waren und sich auch ansonsten engagierten, stets unterstützt auch von den Männern im Verband, ob Ehrenamtler oder Kollegen aus der Branche. Der BDIU achtet seit Jahren darauf, dass Frauen ermutigt werden, für unseren Verband zu arbeiten oder sich ehrenamtlich zu engagieren. Bis vor Kurzem waren vier Frauen im Präsidium, diese Zahl hat sich leider auf drei verringert. Drei Frauen in einem Neun-Personen-Gremium: Das ist eine schlechte Quote, um ehrlich zu sein, und die Tatsache, dass ich diesen Artikel schreibe, ist Anlass für mich persönlich, daran zu arbeiten, das zu ändern – denn wir haben großartige und kompetente Kolleginnen in der Branche.

Als Präsidentin des BDIU habe ich natürlich eine besondere Verantwortung gegenüber meinen Mitgliedsunternehmen, egal ob das nun männliche oder weibliche Inkassounternehmer sind, aber ich habe auch die Chance, meine Position dazu zu nutzen, das Thema Geschlechtergerechtigkeit, speziell die Chancen für Frauen, zu unterstützen. Das versuche ich aber nicht nur dort, sondern auch in dem Inkassounternehmen, in dem ich seit Langem arbeite.

Die Ermutigung von Kolleginnen, Verantwortung zu übernehmen, mein Wissen und meine Erfahrung zu teilen und als Mentor zu unterstützen, ist nicht nur etwas, was mich persönlich bereichert. Ich sehe das auch als Teil meiner höchstpersönlichen gesellschaftlichen Verantwortung. Das ist meine Verpflichtung als Frau, genauso wie es vor langer Zeit unsere Vorfahrinnen waren, die sich für eine Verbesserung der Situation der Frauen eingesetzt haben. Das funktioniert nicht von allein.

Ich bin inzwischen auch ein Fan der sogenannten „Quote“, weil ich erkennen muss, dass eine Geschlechtergerechtigkeit sich eben nicht auf freiwilliger Basis durchsetzt. Das Thema der Geschlechtergerechtigkeit ist aufgrund anderer Themen aktuell allerdings nicht im Verbandsfokus des BDIU. Wir arbeiten zurzeit sehr intensiv daran, einen Code of Conduct für das Forderungsmanagement zu etablieren, was alle vorhandenen Ressourcen bündelt, und obwohl der Verband zwar den Großteil der Inkassobranche Deutschlands repräsentiert, ist die personelle Ausstattung dennoch moderat. Die Ehrenamtler im Präsidium und in unseren Ausschüssen sind ja neben ihren Aufgaben für den BDIU auch hauptamtlich eingebunden.

Aber genau das ist ja sehr häufig einer der Gründe, weshalb sich Frauenrechte viel zu langsam durchsetzen und die Sichtbarkeit von Frauen in öffentlichen Ämtern und Führungspositionen aktuell ja sogar abnimmt. Das ist erschreckend. Das kann wütend und ratlos zugleich machen. Auch die lapidaren Sprüche „So schlimm ist es doch gar nicht“ oder „So groß ist
der Unterschied bei den Gehältern ja nun auch wieder nicht“ hinterlassen mich persönlich erschüttert. Wieso gibt es bei gleicher Arbeit überhaupt einen Unterschied? Mit welchem Recht glaubt die Gesellschaft, dass ein geringer Unterschied akzeptabel sei? Solche „Beruhigungspillen“ hätten die Frauen des beginnenden 20. Jahrhunderts, die für die Gleichberechtigung gekämpft haben, auch nicht geschluckt. Wir alle sind zu bequem geworden. Auch wir Frauen. Wir dürfen uns nicht darauf ausruhen, was erreicht wurde, wir müssen mehr einfordern. Dabei zu unterstützen, zu ermutigen und Zweifel zu zerstreuen ist auch meine persönliche Verantwortung.

Ich bin der Überzeugung, dass Frauen insgesamt dazu auch ihren Beitrag leisten müssen, wenn sie erreichen wollen, dass unsere Gesellschaft, das öffentliche und das Berufsleben geschlechtergerechter wird. Ich erwarte mehr Mut, Verantwortung zu übernehmen und sich Herausforderungen zu stellen. Vielfach zögern Frauen, hinterfragen sich übermäßig und scheuen sich, eine Machtposition anzunehmen. Was ist so schlimm daran, Macht zu haben? Natürlich sind Führungspositionen – ob nun ehrenamtliche oder nicht – auch Machtpositionen. Das Bekenntnis einer Frau zur Macht scheint gesellschaftlich als unanständig zu gelten. Natürlich will ich Macht, ich brauche sie, um das umzusetzen, was ich erstrebenswert finde, und um die Dinge zu bewegen, die mir wichtig sind. Macht bedeutet ja nicht, dass diese willkürlich genutzt oder gar ausgenutzt wird.

Hier sind Frauen aus meiner Sicht viel zu zimperlich und werden am Ende von Männern, die diese Zögerlichkeit selten zeigen, schlicht überrundet. Solange wir also Mädchen und Frauen nicht ermutigen, wird sich daran wenig ändern, denn traditionelle kulturelle Verhaltensweisen brauchen mutige Menschen, die diese hinterfragen und ändern. Das ist etwas, was wir Frauen un gegenseitig versprechen sollten. Uns diesbezüglich zu unterstützen. Ich versuche das in meinem beruflichen Alltag mit Mitarbeiterinnen und Kolleginnen, aber auch im Ehrenamt, wenn es darum geht, Frauen zu ermutigen, sich mehr zuzutrauen.

Der Weltfrauentag dieses Jahres ist mir ein willkommener Anlass, dies mit
neuer Aufmerksamkeit in unser Verbandsleben zu integrieren.

Viele Mitgliedsunternehmen leben die Geschlechtergerechtigkeit glücklicherweise vorbildlich. So auch das, für das ich arbeite. Das ist mir, das ist uns im Verband ein Ansporn. Versprochen!

von Kirsten Pedd
Präsidentin, Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen e. V.

Die ehrenamtliche Präsidentin des BDIU ist als Chef-Syndika für die EOS-Gruppe tätig. In der über 60-jährigen Verbandsgeschichte ist Kirsten Pedd die erste Frau an der Spitze.

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