GASTBEITRAG

Tipps, mit denen Panels und Podiumsdiskussionen weiblicher werden

Wie werden Debatten weiblicher? Indem sich Frauen aktiv an ihnen beteiligen. Wo ist das Problem? Und warum beteiligen die Frauen sich nicht, wenn es doch scheinbar so einfach ist?

Paritätische Besetzung der Diskussionspanels ist bei den meisten Veranstaltungen im Jahr 2019 noch bei Weitem nicht erreicht. Wie seit vielen Jahren üblich gibt es sogar oft weiterhin nur eine oder keine Teilnehmerin. Das hat mehrere Ursachen. Diese liegen beim Veranstaltungsmanagement, bei den – potenziellen – Podiumsteilnehmerinnen sowie beim Publikum.

Manchen Veranstalter*innen ist, wie man auf Nachfrage erfährt, nicht bewusst, dass ihre Veranstaltungen ein Ungleichgewicht der Geschlechter haben. Anderen reicht es, nur eine Frau dabeizuhaben. Wieder anderen ist es egal, ob Frauen beteiligt sind, weil sie meinen, dass niemand sie daran misst, wobei dies meist ein Irrtum ist. Tatsächlich scheint es zwar oft, als ob das Publikum die Abwesenheit von Frauen nicht wahrnimmt oder hinnimmt, sagt dann aber jemand etwas, stellt sich heraus, dass eigentlich alle dies befremdlich finden, aber einfach geschwiegen haben, bis jemand den Mund aufgemacht hat.

Die permanente Unterrepräsentation von Frauen bei Diskussionspanels darf nicht hingenommen werden. Es handelt sich um öffentliche Auftritte und daher ist es eine Frage, die über den jeweiligen Anlass hinausreicht. Es geht darum, ob Frauen hinreichend sichtbar und hörbar sind oder nicht.

Diskussionspanels sind Teil des öffentlichen Lebens. Deshalb wird die
Ungleichbehandlung von Frauen und Männern dort nicht nur widergespiegelt, sondern verfestigt, wenn sie als Normalfall und damit ganz natürlich dargestellt wird.

Gleichzeitig ist die heutige Situation aber eine Chance, die Ursachen zu erkennen, gegenzusteuern und so Diskussionspanels zu einem Hebel zu machen, um durch veränderte öffentliche Wahrnehmung die Gesellschaft selbst ein Stück weit zu verändern.

Tipp 1 | Spot on: Nicht kneifen

Nach meiner Erfahrung liegt eine Ursache ihrer Unterrepräsentation zum Teil bei den Frauen selbst. Viele scheuen den öffentlichen Auftritt mehr als Männer und lehnen Angebote zur Teilnahme an Panels öfter ab. Deshalb ist es m.E. ein guter Anfang, selbst möglichst viele Anfragen anzunehmen und dadurch mit gutem Beispiel voranzugehen. Nicht selten ergeben sich aus einem Auftritt auch Folgeaufträge, weil jemand aus dem Publikum auf eine Frau aufmerksam wird und sie anschließend für eine andere Veranstaltung
anfragt.

Tipp 2 | Female Support: Andere Frauen unterstützen

Ich glaube, dass es notwendig und wirksam ist, wenn Frauen sich gegenseitig unterstützen. Meine Vorschläge für mehr Frauen an Veranstalter, die mich anfragen, werden meist gern aufgenommen und die Vorgeschlagenen auch angesprochen. Es macht auch den eigenen Auftritt bei einem Panel wertvoller, wenn man nicht die alleinige Vertreterin der Frauen ist, sondern eine unter mehreren. Diskussionen verlaufen auch anders, wenn mehrere Frauen dabei sind. Dies ist auch ein Beitrag zum Abbau von dummen Sprüchen, wie z. B. die – unverschämte – Quotenfrau-Unterstellung, die oft unausgesprochen im Raum steht oder manchmal durch Hinweise auf das Äußere einer Teilnehmerin sogar explizit geäußert wird. So was kommt bei einem paritätisch besetzten Panel gar nicht erst auf. Wenn eine Anfrage zur Teilnahme an einem Diskussionspanel kommt, sollten Frauen immer fragen, welche Frauen außerdem dabei sein werden. Sollten das weniger sein als Männer, müssen die Veranstalter*innen auf dieses Ungleichgewicht hingewiesen werden.

Meistens wird entgegnet: „Wir haben nicht genügend Frauen gefunden“, oder „Wir kennen nicht genügend für das Thema qualifizierte Frauen.“ Dann halte ich es mit Christine Lagarde, die mal sagte, sie habe für solche Momente eine Liste mit qualifizierten Kolleginnen parat, die sie dann gerne teile. Wir sollten also vorbereitet sein und bei Gelegenheit Frauen aktiv weiterempfehlen. Das gilt auch und vor allem, falls wir eine Anfrage nicht annehmen können. Dies sollte immer mit der Empfehlung einer anderen Frau einhergehen.

Das Gleiche gilt, wenn sich erst in einer Veranstaltung herausstellt, dass das Diskussionspanel einseitig besetzt ist. Wir sollten dann nachhaken, ob Parität überhaupt angestrebt wurde und mindestens genauso viele Frauen wie Männer angefragt wurden. Wir sollten dann, wenn möglich, sofort anbieten, in künftigen Fällen Frauen zu empfehlen.

Tipp 3 | Hands on: Selber machen

Machen ist besser als reden, und was Männer können, können Frauen genauso. Sie können selbst Diskussionspanels organisieren und diese divers besetzen. Mit dem/der Moderator*in des Penals sollte abgesprochen werden, dass die teilnehmenden Frauen genauso viel Redezeit wie die
Männer erhalten. Am eigenen Arbeitsplatz können wir Kolleginnen aktiv
fördern und von Mitarbeiterinnen fordern, dass sie an Podien teilnehmen.
Wir können uns für die Abhaltung von Workshops stark machen, die die
rhetorischen Fähigkeiten speziell von Frauen schulen und ihnen noch mehr
Sicherheit im Auftritt geben.

Tipp 4 | Work it: Position beziehen

Oft werden Teilnehmer*innen für das Vertreten von Standpunkten eingeladen, die sich möglichst kontrovers zueinander verhalten. Das ist auch sinnvoll, wenn ein Panel lebhaft werden soll. Es gilt also, das eigene Profil zu schärfen, Themen zu besetzen und dazu offen und klar Stellung zu beziehen.

Ähnlich wie die Scheu vor dem öffentlichen Auftritt gibt es eine Scheu vor
dem Beziehen und Durchhalten von Positionen. Und es ist nach meinem
Eindruck so, dass auch hier manche Frauen sich schwerer tun als manche
Männer. Wer so lange abwägt, bis die Aussage nicht mehr verstanden
wird, der langweilt nur. Das gilt besonders für das gesprochene Wort. Klare
Positionen erfordern allerdings nicht nur Mut, sondern gute inhaltliche
Vorbereitung. Dann gelingen auch klare und prägnante Formulierungen, die sich argumentativ durchhalten lassen.

Tipp 5 | Standardsituationen

Ein anderes Feld ist das Bestehen von Standardsituationen. Was als Schlagfertigkeit wahrgenommen wird, ist in Wahrheit oft eine zurechtgelegte Antwort auf eine erwartbare Aussage. So schafft man es im entscheidenden Moment, eigene Sprachlosigkeit zu überwinden. Klassiker sind z. B. das gönnerhafte „Das hätte ich gerade Ihnen gar nicht zugetraut“, das arrogante „Das glauben Sie ja wohl selbst nicht“, das hinterhältige „Können Sie Ihre Aussage eigentlich irgendwie belegen?“ oder das höhere Sachkenntnis reklamierende „Mit dieser These widersprechen Sie allen in der Branche üblichen und anerkannten Regeln“.

In solchen Momenten kühl und sachlich und vor allem ohne Zögern antworten zu können hilft sehr, denn für den Eindruck beim Publikum ist es entscheidend, dass man etwas Passendes sagt und nicht entweder schweigt und damit dem Gegenüber das Feld überlässt oder gar ins Stottern gerät oder sich verplappert. So lässt sich der Moment der drohenden Blöße vermeidenund durch einen gelungenen Return sogar ein Punktgewinn erzielen.

Tipp 6 | Tue Gutes …

Tue Gutes und rede darüber. Erfolge sind zum Feiern da. Es reicht nicht, nur lokal bei einem Diskussionsforum einen guten Job zu machen. Wir müssen damit auch in den Medien präsent sein, wo wir oft viel mehr Menschen erreichen als bei dem Event selbst. Die Berichterstattung brauchen wir nicht den Veranstaltern allein zu überlassen. Wir sollten über unsere Aktivitäten in den neuen Medien Twitter, Instagram, Facebook und LinkedIn berichten. Präsenz schafft Vorbilder und das nicht nur in der jeweiligen Veranstaltung, sondern auch und mehr noch in den Online-Medien. Das zieht nicht nur weitere Anfragen zu anderen Diskussionspanels, sondern vor allem andere Frauen nach und ist ein Beitrag dazu, durch veränderte öffentliche Wahrnehmung die Gesellschaft selbst ein Stück weit zu verändern.

Tipp 7 | Andere Foren

Überall, wo Frauen vertreten sind, sind sie mindestens bis zum Erreichen
von Parität ein Gewinn. Deshalb gilt das hier Gesagte natürlich nicht nur für Diskussionspanels, sondern auch für Vorträge, Keynotes, Impulsvorträge, Moderationen und andere Gelegenheiten zu öffentlichen Auftritten. Alles, was wir tun können, um unseren Anspruch auf Mitsprache und Gestaltung zu unterstreichen, ist wichtig.

Tipp 8 | Never quit

Vermutlich wird nicht jede Teilnahme an einer Veranstaltung ein Erfolg.
Damit muss man sich dann abfinden und dennoch – und erst recht – weitermachen. Wer öffentlich auftritt, muss mit der öffentlichen Beurteilung fertig werden, auch wenn sie nicht immer positiv ist. Gerade in diesem Fall gilt: Wenn wir fertig sind, fangen wir wieder von vorne an. Spot on > Support > Hands on > Work it > Never quit.

von Dr. Helena Melnikov
Hauptgeschäftsführerin, Waren-Verein der Hamburger Börse e. V.

Die promovierte Juristin ist seit 2014 Hauptgeschäftsführerin des Hamburger Waren-Vereins e. V. Darüber hinaus ist sie Geschäftsführerin in vier weiteren Verbänden.

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