GLOSSAR

Von Gendergedöns und anderen Mythen

Feminismus? Das war doch irgendwas mit Frauen? Die Debatte rund um Gender und Frauenrechte erhitzt die Gemüter. Das liegt auch daran, dass häufig keiner so genau weiß, worüber eigentlich gerade gesprochen wird. Vermeintliche Fachbegriffe werden in den Raum geworfen, deren Bedeutung und Hintergrund vielen schlichtweg nicht bewusst sind. Dieses Glossar zu gängigen Begriff en aus der Geschlechterforschung soll ein wenig Licht ins Dunkel bringen.

Feminismus

Ein Begriff , dessen Bedeutung nach wie vor sehr umstritten ist. Feminismus kann man zunächst einmal als Bewegung verstehen. Daraus ergibt sich oft schon das erste Missverständnis: Feminismus ist für Frauen. Das ist schlichtweg falsch. Feminismus ist nämlich eine Bewegung für alle, die nicht mehr und nicht weniger als die Gleichberechtigung und Gleichstellung aller Menschen fordert. Unabhängig von Geschlecht, Herkunft, sexueller Orientierung, Religion, Behinderung und anderen Merkmalen. Aus drei „Wellen“ feministischer Bewegungen resultiert dieses moderne Selbstverständnis. Nach wie vor gibt es jedoch unzählige Strömungen innerhalb des Feminismus. Problematisch ist, dass einige derer, die sich als Feminist*innen bezeichnen, das übergeordnete Ziel scheinbar nicht verinnerlicht haben. Diese Tatsache trägt zum schlechten Ruf des Feminismus bei.

Gender

Am Gender-Begriff kommt heute niemand mehr vorbei. Geprägt hat ihn die französische Philosophin Simone de Beauvoir in ihrem Werk „Das andere Geschlecht“ aus dem Jahre 1949. Der alles entscheidende Satz lautet darin: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Was möchte sie damit sagen? De Beauvoir geht davon aus, dass die Geschlechtsidentität sozial konstruiert ist. Jeder Mensch hat ein biologisches Geschlecht (im Englischen: sex), entsprechend seinen Geschlechtsorganen, und ein soziales Geschlecht (im Englischen: gender). Das soziale Geschlecht ist das Ergebnis unserer Sozialisation, sprich der Kultur, in der wir aufwachsen, und der Rollenbilder, die darin gelten und in die wir hinein erzogen werden. Frauen tragen Kleider, Männer tragen Hosen, Frauen sind für die Kindererziehung zuständig, Männer verdienen das Geld – diese Stereotype sind nicht durch unser biologisches Geschlecht vorgegeben, sondern sozial konstruiert. Dass es nicht so sein muss, zeigt zum Beispiel ein Blick in andere Kulturen.

Intersektionalität

Dass der Feminismus keine reine Angelegenheit von und für Frauen ist, beschreibt der Begriff der Intersektionalität. Menschen denken in Kategorien: männlich – weiblich, homosexuell – heterosexuell, christlich – muslimisch. Aus psychologischer Sicht ist dies die Grundlage zur Entstehung von Stereotypen und Vorurteilen, die wiederum den Nährboden für Diskriminierung bilden. Menschen, die immer wieder bestimmten Kategorien zugeordnet werden, können von Mehrfachdiskriminierung betroffen sein. Ich, als weiße christliche Frau, erlebe eine ganz andere Form der Benachteiligung als eine muslimische Frau, die den Hij ab trägt. Dass Ungerechtigkeit also nicht nur eine Frage des Geschlechts, sondern auch anderer Faktoren ist, stellt der intersektionale Feminismus in den Vordergrund.

Sexismus

Sexismus ist eine Form der Diskriminierung so wie auch Rassismus. Sexismus beschreibt die Benachteiligung aufgrund der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht. Es handelt sich um ein Alltagsproblem, das mit Sicherheit jedem von uns schon einmal in irgendeiner Form begegnet ist. Sowohl Männer als auch Frauen können von Sexismus betroffen sein. Es beginnt im Kleinen mit Witzen über „typisch weibliche“ oder „typisch männliche“ Verhaltensweisen und reicht bis zu sexueller Belästigung und Missbrauch.

Diversity

Sicherlich eines der wichtigsten Themen für Personalbeauftrage in diesen Tagen: Diversität. Unternehmen, Verbände, Organisationen sollen diverser werden, vielfältiger sein. Aber was bedeutet das? Letzten Endes ist Diversity nicht weniger als das gewünschte Resultat von Chancengleichheit. Manche Gesellschaftsgruppen sind in Unternehmen und Verbänden
schlichtweg unterrepräsentiert. Diversity beschreibt das Ziel, diese Tatsache zu ändern und beispielsweise mehr Frauen oder auch vermehrt Menschen mit Migrationshintergrund den Zugang etwa zu Führungspositionen zu ermöglichen.

Geschlechtergerechte Sprache

Gendersternchen , Gendergap _ oder Binnen-I – auch hier gehen die Meinungen auseinander. Viele halten die geschlechtergerechte Sprache für überflüssig. Aber: Sprache formt unsere Gedanken. Wir können nur mitdenken, was wir sprachlich ausdrücken. Deswegen sollten wir uns mit Geschlechtergerechtigkeit in unserem alltäglichen Sprachgebrauch auseinandersetzen. Die bei Menschenrechtsorganisationen beliebteste Möglichkeit, geschlechtergerechte Sprache anzuwenden, ist das Gendersternchen: Ärztinnen, Kolleginnen, Sprecherinnen. Es kann außerdem schon helfen, auf geschlechtsneutrale Formulierungen zu achten: Statt von Studenten wird von Studierenden gesprochen, die Teilnehmer werden zu Teilnehmenden und die Geschäftsführer zu den Geschäftsführenden. Wer geschlechtergerechte Sprache verwendet, gibt Denkanstöße und lässt dem Thema mehr Aufmerksamkeit zukommen.

Fazit

Wenn Sie das Gefühl haben, in Debatten rund um das Thema auf rohen Eiern zu gehen, dann können Sie beruhigt sein: Das ist normal. Wir sprechen hier über ein sensibles Thema, das viele Menschen bewegt. Aber genau das ist der Punkt: Wir sprechen darüber. Und das zwingt uns zu refl ektieren, uns an die eigene Nase zu fassen und zu überlegen, was wir in unserem Alltag verändern können. Geschlechtergerechtigkeit geht jeden von uns etwas an, denn sie fördert unser Entwicklungspotenzial als Gesellschaft.

von Anna Lob
Mitarbeiterin bei ADVERB
lob@agentur-adverb.de

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