EDITORIAL

Welche Fragen müssen wir uns stellen?

Meine Editorials sind immer eine kleine Gratwanderung: Meist habe ich eher zu wenig Anekdoten, die thematisch passen, als zu viele. Anders ist es in dieser Ausgabe. Im Vorfeld zu diesem Heft gab es viele Fragen – auch an uns selbst:

Die normalerweise mitschreibenden Berater fühlen sich ausgeschlossen, da ausschließlich Autorinnen in der Ausgabe zu Wort kommen. Die Antwort einer Kollegin: „Da wisst ihr mal, wie es uns Frauen geht.“ Schaffen wir eine neue Diskriminierung?

Der Arbeitstitel Gleichberechtigungs-Ausgabe wird verworfen, weil es ja nur um die Gleichstellung von Frauen gehe. Fassen wir das Thema zu eng?

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird intensiv zwischen allen Beteiligten diskutiert. Bei einem Mittagessen sagt eine Verbandssprecherin, dass auch ihr Mann zu jenen gehört, die die Kinder von der Kita abholen. Dennoch habe sie – wie auch ihre Kolleginnen – häufig ein schlechtes Gewissen, wenn sie nicht bei den eigenen Kindern sei. Statt neuer Männern wünsche sie sich selbst mehr Mut bzw. allgemein mutigere Frauen. Aber braucht es dafür einen Aufruf im Heft?

Textpassagen einer Autorin legen nahe, dass vor allem Mütter Zeit mit Kindern verbringen wollen, während Väter nicht erwähnt werden. Einige Kollegen sind verärgert und meinen, dies sei eine veraltete Sichtweise. Ist dies versteckte Diskriminierung von Vätern?

Eine Seitenblick-Expertin zum allgemeinen Thema Sexismus im Verband sagte ab. Ihre Begründung: Sie wolle ihren Job noch ein wenig behalten. Eine andere Autorin würde gerne über das Thema Sexismus in Kammern vor Ort schreiben. Sie sagt trotz zugesicherter Anonymität schließlich ab – obwohl es ihr an Stoff nicht mangelt. Sind Führungsetagen in Verbänden und Kammern nicht sensibilisiert genug?

Aufgrund der „All male panel“-Diskussion wird in der Agentur – parallel zu dieser Ausgabe – eine Selbstverpflichtung erarbeitet. Inhalt: Wir wollen uns nicht mehr an eingeschlechtlichen Panels beteiligen. Einen Tag nachdem wir die erste Panelteilnahme absagten, erhielten wir selbst die vierte Absage einer Frau für eine Podiumsdiskussion. Die zwei angefragten Männer sagten beide zu. Was können wir bei Anfragen/Events anders machen?

Zu keiner der bislang 77 Ausgaben wurde im Vorfeld innerhalb und außerhalb der Redaktionskonferenz so sehr – und so emotional – über Themen, Autorinnen, Thesen diskutiert. Eigentlich wollten wir keine besondere Ausgabe machen. Eigentlich sollten wir gar keine Ausgabe zu dem Thema machen müssen. Anna Lob, jene Kollegin, die viele Autorinnen angesprochen hatte, fragte: „Aber werden wir nicht mit dieser Ausgabe einen Beitrag dazu leisten, dass innerhalb von Verbänden über Rollenbilder nachgedacht wird?“

Wir hoffen, dass im Zuge der Lektüre dieser Ausgabe neue Fragen aufgezeigt und andere vielleicht beantwortet werden.

In jedem Fall wünsche ich Ihnen viel Spaß und Erfolg beim Nachdenken über Verbandskommunikation und die Rolle der Frau im Verband!

Christian H. Schuster
ADVERB – Agentur für Verbandskommunikation

PS: Das Thema im Heft werden wir auch in den nächsten Wochen begleiten. Bei Twitter benutzen wir dafür den Hashtag #Verbandsfrauen. Wir freuen uns über Ihr Folgen und Feedback.

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