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Partizipative Veranstaltungs­formate sind im Trend

von Milena Stiefermann

Veranstaltungen neu denken: Was bedeutet das in unserer digitalisierten Welt? Wird es Veranstaltungen, wie wir sie aus den letzten Jahren kennen, in zehn Jahren überhaupt noch geben? Wird es irgendwann nur noch Webinare und sogenannte „Social Stammtische“ geben? Sicher sind diese Formate spannend und sollten in bestimmten Bereichen unbedingt bedient werden (siehe auch Titelthema der Ausgabe). Gerade in einer Phase wie im Frühjahr 2020 – während der Corona-Pandemie mit starken Ausgangsbeschränkungen – sollten auch Verbände die Möglichkeit haben, auf Online-Lösungen umzustellen. Den Charakter einer Konferenz oder Messe können diese Online-Lösungen jedoch nicht vollständig ersetzen. Haptik, Gustatorik, Olfaktorik und Optik sind wichtige Sinneswahrnehmungen, die auch in der Veranstaltungsbranche nicht unterschätzt werden dürfen. Der Austausch ist zudem beim physischen Aufeinandertreffen oft ein ganz anderer als über das Telefon oder die Videokonferenz. Austausch ist dabei das Stichwort: Austausch entsteht auch bei physischen Veranstaltungen nicht durch Frontalvorträge oder ein anderes Bühnenprogramm – die Erwartung von Teilnehmenden an Konferenzen und Tagungen sind in diesem Bereich gestiegen. Wissenschaftliche Studien beweisen, dass unsere Gehirne nicht für „Multi-Tasking“ geeignet sind, und auch, dass ein typischer Zuhörer in einem Frontvortrag nach 10 Minuten mit den Gedanken vom Thema abschweift (vgl. Dr. John Medina, Universität Washington). Partizipative beziehungsweise interaktive Veranstaltungen und Veranstaltungs­formate sind deshalb im Trend. Teilnehmende wollen in die Gestaltung und Durchführung eingebunden werden und fühlen sich dadurch ernster genommen. Gemeinsam erarbeitete Lösungsansätze bleiben zudem länger in Erinnerung. Die aktuell beliebtesten Formate als Steckbriefe:

BARCAMP

Freier Gedankenaustausch, Networking und Wissensvermittlung in einem

Alternative Bezeichnungen
Unkonferenz, Mitmach-Konferenz, Ad-hoc-Konferenz

Definition und Ziel
Offenes Veranstaltungsformat, Inhalt und Ablauf sind offen und werden von den Teilnehmenden gemeinsam festgelegt, dient vor allem dem Austausch und der Diskussion.

Teilnehmende
10 bis über 500

Zeitraum
Halb- bis ganztägig, manchmal auch mehrtägig

Ablauf

  1. Opening Session: Teilnehmende stellen sich vor (möglichst in maximal drei Stichworten/Hashtags).
  2. Vorstellung der Vorträge: Jeder, der zum Überthema des Barcamps einen Vortrag oder Workshop halten möchte, trägt seine Idee vor. Teilnehmende können sich außerdem äußern, wenn sie sich zu einem bestimmten Thema eine Session wünschen. Die Teilnehmenden stimmen per Handzeichen ab, ob sie am Thema interessiert sind. (Alternative: Die Themen werden vom Organisationsteam in eine App eingetragen – wenn alle Themen genannt sind, stimmen die Teilnehmenden in der App ab.)
  3. Verteilung der Sessions: Das Organisationsteam des Barcamps verteilt die abgestimmten Themen auf Räume und Zeitabschnitte, die im Voraus festgelegt wurden. Der Session-Plan wird gut sichtbar für alle aufgehängt oder in der App veröffentlicht.
  4. Sessions: In den Sessions sollte immer jemand vom Organisationsteam vor Ort sein, um den Referent/innen gegebenenfalls technische Hilfestellung oder Unterstützung in der Moderation zu leisten. Tipp: Zeichnen Sie die einzelnen Sessions auf Video auf, um sie später in Ihrer Community online zu teilen.
  5. Abschluss-Session: Am Ende des Barcamps sollten alle Teilnehmenden für eine Zusammenfassung des Tages und Feedback an die Referierenden und Veranstalter noch einmal zusammenkommen.

Vorteil
Teilnehmende werden gefordert und Interaktion sowie Networking sind garantiert.

Nachteil
Hoher organisatorischer Aufwand

Pecha Kucha

Alternative Bezeichnungen
Ignite (englisch für „entzünden / Feuer fangen“)

Definition und Ziel
Ein Redner erhält maximal 6 Minuten und 40 Sekunden Vortragszeit und darf dabei 20 PowerPoint-Folien in jeweils 15 bis 20 Sekunden präsentieren. Wichtig: Die Folien müssen zeitlich technisch voreingestellt sein und dürfen nur Bilder, Grafiken und Animationen, aber keinen Text enthalten. Das Ziel ist der Fokus auf konzentrierte Wissensvermittlung und die absolute Aufmerksamkeit der Teilnehmenden.

Teilnehmende
Keine Teilnahmebegrenzung für Zuhörerschaft

Zeitraum
1 Stunde, maximal 3 bis 4 Redner/innen ohne längere Pause hintereinander

Ablauf

  1. Themenfestlegung: Veranstalter oder Organisationsteam legt für eine Pecha-Kucha-Runde
    ein Thema oder eine Fragestellung fest.
  2. Präsentation: Mehrere Redner/innen (Expert/innen) präsentieren nacheinander ihre Erkenntnisse und Lösungen zu diesem gemeinsamen Überthema. Jede/r Redner/in erhält eine maximale Vortragszeit von 6 Minuten und 40 Sekunden für seinen oder ihren Vortrag und darf maximal 20 Folien zeigen. Die Folien sind dabei auf 15 bis 20 Sekunden Anzeigezeit eingestellt.
  3. Organisation: Wird die Redezeit überschritten, wird der/die Redner/in vom Organisationsteam
    nach Ablauf der Zeit unterbrochen.
  4. Diskussion: Eine Diskussion bzw. Fragerunde mit den Teilnehmenden kann entweder nach jedem Vortrag stattfinden oder nachdem alle vorgetragen haben.

Vorteil
Vortragende sind gezwungen, sich auf das Wesentliche zu fokussieren, Konzentration des Auditoriums wird geschärft.

Nachteil
Nicht jede/r Redner/in ist für diese Art des Vortragens geschaffen, Beteiligung der Teilnehmenden nur mit anschließender Diskussion zu gewährleisten.

Science Slam

Alternative Bezeichnungen
Kurzvortragsturnier, verwandtes Format: FameLab

Definition und Ziel
Wissenschaftler/innen halten nacheinander jeweils einen 10-minütigen wissenschaftlichen Vortrag. Die Teilnehmenden sind die Jury: Die Vorträge werden durch ein Applausbarometer bewertet. Wer den größten Applaus bekommt, „gewinnt“ mit seinem Vortrag und erhält einen (symbolischen) Preis. Aufmerksamkeit des Publikums soll durch Jury-Funktion erhöht werden.

Teilnehmende
Unbegrenzt viele

Zeitraum
Geeignet für eine Session während einer Konferenz oder als Abend­veranstaltung

Ablauf

  1. Vorträge: Redner/innen halten nacheinander 10-minütige (wissenschaftliche) Vorträge.
  2. Bewertung: Nach jedem Vortrag dürfen die Teilnehmenden im Auditorium applaudieren, wenn sie den Vortrag oder die vorgestellte Idee gut finden.
  3. Organisation: Das Organisationsteam misst jeweils die Applauslänge (nicht Lautstärke) – das muss vorher an die Teilnehmenden kommuniziert werden.
  4. Auswertung: Der oder die Wissenschaftler/in mit dem längsten Applaus gewinnt einen (meist symbolischen) Preis in einer Preisverleihung.

Vorteil
Unterhaltsame Auflockerung einer Konferenz, erhöhte Aufmerksamkeit
des Publikums durch die Jury-Funktion

Nachteil
Applaus ist schwierig zu messen.

Walt-Disney-Methode

Alternative Bezeichnungen
Walt-Disney-Strategie, Disney method

Definition und Ziel
Kreativ-Methode, die auf einem Rollenspiel basiert, bei der eine Problemstellung aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird: Träumer (Visionär), Realist (Macher), Kritiker (Fragensteller) und Neutraler (Beobachter). Ziel ist es, gemeinsam ein Problem zu lösen oder eine Vision auf ein alltagstaugliches Projekt herunterzubrechen.

Teilnehmende
4 bis maximal 16 Personen

Zeitraum
1,5 bis 3 Stunden

Ablauf

  1. Aufbau: Vier Stühle werden im Kreis in einem Raum aufgestellt. Die Stühle und die vier Ecken werden mit je einer Rolle beschriftet: Träumer, Realist, Kritiker und Neutraler (Beobachter). Alternativ: Arbeitet man allein mit der Methode, versetzt man sich nacheinander in die Rollen.
  2. Themenfestlegung: Es wird gemeinsam eine Frage- oder Problemstellung festgelegt oder durch das Organisationsteam in die Runde gegeben.
  3. Durchführung: In drei gleich großen Gruppen wird die Problemstellung aus den Rollenperspektiven Träumer, Realist und Kritiker diskutiert, bis ein gemeinsamer Standpunkt gefunden
    ist. Dieser wird in Stichpunkten notiert. Alle 10 Minuten wechseln die Gruppen, bis jeder alle Rollen einmal besetzt hat. Die vierte Gruppe – die Gruppe der Neutralen – beobachtet die Diskussionen und moderiert. Sie wechselt nicht.
  4. Abschluss: Vier (freiwillige) Personen nehmen Platz, versetzen sich noch einmal in die vier Rollen und diskutieren über die Problemstellung mithilfe der zuvor erarbeiteten Standpunkte – bis eine für alle Teilnehmenden zufriedenstellende Lösung gefunden ist. Der Vertreter der beobachtenden Gruppe übernimmt in dieser Phase die Moderation.

Vorteil
Einbindung der Teilnehmenden in einen Lösungsprozess, Spaßfaktor

Nachteil
Offener Ausgang und Schwierigkeit für Teilnehmende, sich in eine Rolle zu versetzen, mit der sie sich eventuell nicht identifizieren können

Jetzt PDF downloaden: Diesen Artikel finden Sie im Verbandsstrategen Ausgabe #88 2020, S. 18.

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