GASTBEITRAG

Zukunftsintelligenz und Zukunftsvisionen sind jetzt gefragt

von Dr. Daniel Dettling

Die Corona-Krise war auch die Stunde der Politik: Das politische System wurde, zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern, in einen Stresstest geschickt. Ungeahnte Kräfte wurden freigesetzt. Staat und Demokratie zeigten, wozu sie fähig sind, wenn es wirklich drauf ankommt. Nach der Krise werden die Beziehungen zwischen Staat und Bürgergesellschaft besser sein als zuvor. Politik wird ganzheitlich und nachhaltig. Konzeptionell und kommunikativ geht es künftig um das Und, nicht um das Oder: Gesundheit und Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft, Stadt-, Dorf- und Weltgemeinschaft. Corona wird die Zukunft radikal ändern.

Das Comeback der Politik

So viel Vertrauen in die Politik gab es lange nicht: Die Krise führte zu einem Comeback klassischer Führungs- und Staatspolitik. Die Maßnahmen im Kampf gegen das Virus fanden bei den Bürgern große Zustimmung, noch nie waren die Deutschen mit ihrer Regierung so zufrieden, optimistisch wie seit Langem nicht blicken sie in die Zukunft. Die Krise stärkte das Vertrauen in die aktuell Regierenden und die gewachsenen Institutionen. Ideologie verlor, Leadership gewann. Unvergessen bleiben den Deutschen die Videobotschaften der Bundeskanzlerin während ihrer zweiwöchigen Quarantäne. Politische Führung wird in Zukunft verstärkt bedeuten: Klartext reden, Sicherheit vermitteln, handeln.

Die Krise beschleunigt den progressiven Wertewandel. Solidarität
und Sinn sind die neuen Leitwerte.

Von der Sozialen Marktwirtschaft zur Wir-Gesellschaft

Nicht eine „Selber schuld“-Mentalität hat sich in der Krise durchgesetzt, sondern ein „Wir gegen Corona“-Gefühl. Das Virus zeigte nicht die Schwäche der Sozialen Marktwirtschaft auf, sondern ihre Stärke. Der Staat funktionierte und war handlungsfähig. Die öffentliche Daseinsvorsorgemwar in der Krise das entscheidende Thema zur Eindämmung und Bekämpfung des Virus. Auf Krankenhäuser, Ärzte und Pfleger, Infrastruktur und Versorgung war Verlass. Der Sozialstaat kollabierte nicht, sondern war die Voraussetzung, um die Krise zu meistern. Eine neue Balance von Staat und Markt entsteht. Die Gemeinwohlorientierung schlägt das reine Profitstreben. Die Beziehungen zwischen den Staaten, Menschen und Unternehmen werden nach Corona andere sein. Die Krise beschleunigt den progressiven Wertewandel. Solidarität und Sinn sind die neuen Leitwerte. Wir erleben eine neue Wir-Kultur, lokal wie global.

27.08.2020 / Ausgabe #91

Umbruch – Zukunft der Verbände in und nach der Pandemie

In jeder Ausgabe des Verbandsstrategen setzen wir mit Best-Practice-Beispielen, Expertenbeiträgen und Interviews einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt. Sie interessieren sich für das Thema? Dann schauen Sie doch gleich bei den anderen Artikeln dieser Ausgabe vorbei.

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Von Globalisierung zu Glokalisierung

Die Corona-Krise bedeutet den Anfang vom Ende der hyperschnellen Globalisierung. Die bisherige globale Vernetzung hatte uns anfälliger für Krisen gemacht. Nun wird eine neue Epoche beginnen: die Ära der achtsamen Glokalisierung. Im Kern geht es dabei um die Dezentralisierung
von Märkten und Wertschöpfungsketten bei gleichzeitiger Intensivierung kooperativer Systeme. Glokalisierung ist damit auch eine zukunftsweisende Antwort auf die wachsende Nachfrage nach Heimat, Nachbarschaft und Regionalität. Politik wird glokaler, bürgernäher, partizipativer. Kommunen und ihre Bürgermeisterinnen und Bürgermeister werden zu systemrelevanten Akteuren.

Gefragt sind Zukunftsintelligenz und Zukunftsvisionen

Gilt das auch für die großen Organisationen? Die Corona-Krise kann die Zukunftsintelligenz aller Systeme erhöhen und Innovationen beschleunigen: digitale Infrastrukturen, kollaborative Plattformen, soziale Netzwerke und demokratische Beteiligung. Für Politik und Verbände eröffnen sich damit neue Chancen. Es geht um überzeugende Zukunftsvisionen und praktische Antworten auf Megatrends wie Klimawandel, Digitalisierung und Demografie, die bald wieder auf die Agenda der öffentlichen Aufmerksamkeit zurückkommen. Für die Jüngeren sind die großen Parteien und Verbände nicht auf der Höhe der Zeit. Wer nicht mit der Zeit geht, verliert die Zukunft. Auch das ist eine Lehre der Corona-Zäsur.

Dr. Daniel Dettling
leitet das von ihm gegründete Institut für Zukunftspolitik (www.zukunftspolitik.de). Sein neues Buch heißt „Zukunftsintelligenz. Der Corona-Effekt auf unser Leben“ und ist bei LangenMüller erschienen.

Jetzt PDF downloaden: Diesen Artikel finden Sie im Verbandsstrategen Ausgabe #91 2020, S. 18.

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