GASTBEITRAG

Geschlechtergerechtigkeit: Eine Frage der Glaubwürdigkeit

von Elisabeth Götz

Im Deutschen Caritasverband rumorte es seit Langem: 80 Prozent der Mitarbeitenden im gesamten Verband und den Mitgliedsorganisationen sind Frauen. Aber bei den Verbands- und Einrichtungsleitungen waren es sehr wenige (meist unter 20 Prozent): für eine Organisation, die sich auf Gerechtigkeit und Solidaritätsstiftung beruft, eine ungemütliche Wahrheit. Das ist nicht glaubwürdig, nach innen und nach außen. An geringeren Ausbildungsvoraussetzungen von Frauen kann es seit Jahrzehnten nicht mehr liegen. Also woran? Und wie kann eine Organisation wie die Caritas da drangehen?

In den letzten zehn Jahren haben die Gremien wiederholt dazu diskutiert: über Quoten, Personalgewinnung und -entwicklung, Anforderungsprofile, aber auch über Organisations- bzw. Führungskultur, Veränderungsbereitschaft und Vielfaltsfreundlichkeit. Es wurden Projekte aufgesetzt, die die Caritas operativ und messbar weiterbringen sollten. Seit ca. zehn Jahren besteht ein entsprechender Handlungsstrang im Gesamtverband, vorangetrieben durch die Funktion einer Beauftragten für Geschlechtergerechtigkeit und Vielfalt an der Verbandsspitze: Chefsache. So kann das Thema nicht schubladisiert werden und bleibt am Kochen.

Zunächst wurde mit einer Studie und der Erweiterung der Verbandsstatistik ein Status quo erhoben, der uns die Entwicklung nun auch fortlaufend zeigt. Es wurden Mitgliedsorganisationen gewonnen, die unter dem Motto „Gleichgestellt in Führung gehen“ ein erstes Maßnahmenpaket auf den Weg gemacht haben: Fortbildungen für aufstiegswillige Frauen finden bis heute jährlich statt. Ein Mentoringprogramm hat eine weitere Gruppe von Frauen vorangebracht.

03.03.2021 / Ausgabe #95

Es ist Zeit für mehr Frauen in Verbänden

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Es geht vielmehr um eine zeitgemäße Ausgestaltung von Führungskultur.

Das ist aber ein zu kleiner Hebel: Wenn sich hier jährlich 20 bis 30 Frauen auf den Weg machen, ändert das für die Teilnehmerinnen viel, für den Gesamtverband und seine Kultur aber zu wenig. Und für diese beide Initiativen gilt: Im Kern erscheint es als ein Problem der Frauen, die diese
Unterstützung benötigen, um in der sie umgebenden Verbandskultur weiterzukommen.

Inhouse-Veranstaltungen haben dagegen jeweils den innerverbandlichen Diskurs breiter angeregt. Eine Erkenntnis trat wiederholt auf: Auf der mittleren Leitungsebene sind es fast überall in den Mitgliedsverbänden mehr Frauen als Männer. Wenn zu wenige von ihnen in Spitzenfunktionen gelangen, besteht der Verdacht, dass wir nicht die besten Personen für die Spitzenfunktionen gewinnen, sondern eventuell nur die „passendsten“: nämlich diejenigen, die das Spiel um höhere Positionen gut spielen. Und das sind nicht zwangsläufig dieselben, die besser (in die Zukunft) führen können. Und auch in der Caritas machen wir gelegentlich die Erfahrung, dass Frauen ihre leitende Stellung wieder aufgeben: So nicht, nicht mit mir.

Es geht also auch um Unternehmenskultur: Wie muss frau hier Leitung ausfüllen, was erwarten wir von Führungskräften? In der Folge stellt sich dann die Frage: Wie halten wir es mit der Geschlechtergerechtigkeit? Beispielsweise bei der Mitarbeiter*innengewinnung, beim Wettbewerb um höhere Positionen, bei der Besetzung von Podien, bei Präsenzkultur, Führung in Teilzeit oder geteilter Führung, Eingruppierungslogiken oder auch Satzungsvorgaben: alles Bereiche, wo latente Benachteiligungen insbesondere für Frauen mit Familienverantwortung lauern. Auch die Sprache in Öffentlichkeitsarbeit und Personalgewinnung hält diesem kritischen Blick nicht immer stand. Und wenn Personalagenturen nur männliche Kandidaten für leitende Funktionen in der Caritas vorschlagen, haben entweder die Vorgaben nicht gestimmt oder sie haben eben versagt und nach zu konventionellen Mustern gesucht.

Fazit: Im Jahr 2018 wurde mit der Verabschiedung einer Satzungsregelung zur geschlechterparitätischen Besetzung der verbandlichen Organe Vorstand, Caritasrat und Delegiertenversammlung, wo der Frauenanteil bislang bei etwas über 30 Prozent liegt, ein wichtiger Meilenstein in der Förderung der Geschlechtergerechtigkeit in der Caritas erreicht. Und auch verbandsweit ist der Frauenanteil in geschäftsführenden Positionen inzwischen bei ca. 30 Prozent. Immerhin. Es geht bei der Geschlechtergerechtigkeit aber nicht nur um die Förderung von mehr Frauen in Führungspositionen, sondern vielmehr um eine zeitgemäße Ausgestaltung von Führungskultur, die vielfältiger sein kann, als unsere männlichen Vorgänger es sich vorgestellt haben.

Elisabeth Götz
ist Dipl.-Psychologin und Dozentin an der Fortbildungs-Akademie des Deutschen Caritasverbandes in Freiburg. Für den Verband arbeitete sie u.a. am Gleichstellungsprojekt „Geschlecht. Gerecht gewinnt“ mit sowie aktuell beim Projekt „Führung neu denken – agil, vielfaltsorientiert und geschlechtergerecht.“

Jetzt PDF downloaden: Diesen Artikel finden Sie im Verbandsstrategen Ausgabe #95 2021, S. 6.

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