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Wissen, auf wen es ankommt – die politische LEA-Analyse

von David Denne

Es ist der erste Tag nach den Sommerferien. Die neue Klassenlehrerin steht vor ihren Schüler*innen und blickt in viele unbekannte Gesichter. Kein Wunder, dass die Klasse bereits nach wenigen Minuten mit voller Motivation Namensschilder bastelt, damit sich die Lehrerin die Namen merken kann. Ähnlich wird es in den nächsten Wochen vermutlich auch dem einen oder der anderen Verbandsverantwortlichen oder Politikexpert*in gehen. Denn nach jeder Bundestagswahl verändert sich auch das Plenum des wichtigsten deutschen Parlaments. So begrüßte Hermann Otto Solms von der FDP als stellvertretender Alterspräsident etwa ein Drittel neue Gesichter bei der konstituierenden Sitzung des Bundestags im Herbst 2017. Auch im Jahr 2021 ist ein nicht unerheblicher Teil der Abgeordneten zum ersten Mal ins deutsche Parlament gewählt worden. Zudem ändern sich mit jeder Legislaturperiode die Zuständigkeiten der MdBs. Die Fraktionen entscheiden, welcher MdB in welchem Ausschuss landet. Dabei kommt es durchaus zu großen Unterschieden zur vorherigen Legislaturperiode. Kurz nach der Wahl stehen Verbände deshalb vor einer ähnlichen Aufgabe wie die Lehrerin am ersten Schultag nach den Sommerferien: Sie müssen sich möglichst viele Namen und Gesichter merken und die Abgeordneten kennenlernen. Wer ist wer? Wer macht was und warum? Für Verbände gilt es nun zu erkennen, welche MdBs für die Verbandsziele relevant sind. Eine Stakeholder-Analyse ist dafür unverzichtbar. Mit unserer LEA-Methode finden Sie in drei Schritten die wichtigen Bundestagsabgeordneten für Ihren Verband.

Weniger ist mehr

Der neue Bundestag hat 735 Abgeordnete – selbst die gewieftesten Politikberater*innen werden Ihnen wohl kaum alle Namen samt Fraktionszugehörigkeit und Themenfeld aus dem Stand aufzählen können. Das Gute ist aber: Das ist gar nicht notwendig. Denn für Verbände zählen vor allem die Abgeordneten, die den Verband bei der Realisierung seiner Ziele weiterbringen – und das ist oft nur eine Handvoll Personen. In unserem LEA-Verfahren geht es daher im ersten Schritt darum, das gesamte Plenum auf speziell die MdBs herunterzubrechen, die wirklich wichtig sind.

Beim Limiting werden Abgeordneten nach bestimmten Kriterien in kleinere Gruppen eingeteilt. Ausschlaggebend ist die Zugehörigkeit zu den relevanten Fachausschüssen, da diese Abgeordneten unmittelbaren Einfluss auf das Themenfeld ausüben können. Die Herkunft der MdBs kann auch wichtig sein. Als Kontaktpersonen sind Abgeordnete interessant, bei denen viele Mitglieder des Verbands oder der Branche im Wahlkreis ansässig sind. Wenn die Interessen der Menschen und Unternehmen aus dem eigenen Wahlkreis in Berlin aufgenommen werden, haben Abgeordnete ein gutes Argument mehr für den nächsten Wahlkampf.

07.10.2021 / Ausgabe #99

Aufbruch – Verbände nach der Bundestagswahl 2021

In jeder Ausgabe des Verbandsstrategen setzen wir mit Best-Practice-Beispielen, Expertenbeiträgen und Interviews einen anderen inhaltlichen Schwerpunkt. Sie interessieren sich für das Thema? Dann schauen Sie doch gleich bei den anderen Artikeln dieser Ausgabe vorbei.

Neben der Zugehörigkeit zum richtigen Ausschuss und dem passenden Wahlkreis spielt auch der Werdegang der MdBs eine Rolle für das Limiting. Abgeordnete, die beruflich in der Branche des Verbands tätig waren oder andere Anknüpfungspunkte zu den Themen des Verbands aufweisen, können besonders sensibel für die Themen des Verbands sein.

Wer ist was?

Klassenclown, Streber*in oder Sportskanone – die meisten Lehrkräfte wissen schon nach kurzer Zeit, welche Rolle einzelne Schüler*innen in der Schulklasse einnehmen. Ganz ähnlich müssen auch Verbände wissen, wer eigentlich welche Rolle im neuen Bundestag spielt. Der Status eines MdBs entscheidet, inwieweit der bzw. die Abgeordnete Einfluss auf die Gesetzgebung und Prozesse im Bundestag ausüben kann. Im zweiten Schritt findet deshalb die sogenannte Environment-Analyse statt. Hier wird die durch das Limiting eingegrenzte Gruppe relevanter Abgeordneter weiter ausdifferenziert – und zwar nach Status, Einfluss und Machtverhältnissen. Je höher der Status und Einfluss eines MdBs ist, desto höher ist auch seine bzw. ihre Relevanz für den Verband. In der Environment-Analyse wird deshalb gezielt nach Ausschussvorsitzenden, Berichterstattenden, Fraktionsvorsitzenden oder Parteisprecher*innen gesucht.

Selbstverständlich zählen an dieser Stelle nicht nur Ämter im Bundestag. Auch hohe Ämter außerhalb des Bundestags sind wichtige Merkmale, die es in der Environment-Analyse zu erkennen gilt. So kann ein Vorstandsmitglied einer Partei beispielsweise großen Einfluss auf die parteipolitische Ausrichtung nehmen – und ist damit möglicherweise ein wertvoller Kontakt für Ihren Verband. Daneben sind außerpolitische Ämter, zum Beispiel in Aufsichtsräten, ein wichtiges Merkmal, um relevante Abgeordnete zu finden. Sobald ein MdB beispielsweise im Aufsichtsrat eines Mitgliedsunternehmens Ihres Verbands sitzt, besteht ein gegenseitiges Interesse am Austausch.

Einstellung entscheidet

Stimmt die Chemie zwischen Ihrem Verband und den relevanten Bundestagsabgeordneten? Das finden Sie mit der Attitude-Analyse heraus. Denn wie zwischen Lehrkräften und Schüler*innen wird es nur zu einem guten Austausch kommen, wenn alle Beteiligten in etwa auf derselben Wellenlänge sind. Deshalb wird mit der Attitude-Analyse untersucht, wie die relevanten Abgeordneten eigentlich zu Ihren Themen und zu Ihrem Verband stehen. An dieser
Stelle ist Fleißarbeit gefragt. Haben sich die relevanten MdBs bereits zu Ihren Verbandsthemen geäußert? Wie haben Sie in der Vergangenheit zu wichtigen Gesetzen für Ihre Branche abgestimmt? Dazu ist eine umfangreiche Analyse notwendig – die sich aber lohnt. Denn indem die Einstellungen der Abgeordneten zu den Verbandsthemen überprüft werden, können Sie Ihre Lobbying-Maßnahmen ohne große Streuverluste umsetzen. Wie auch bei der Environment-Analyse werden bei der Attitude-Analyse die einzelnen Merkmale, beispielsweise die Affinität zu Verbandsthemen oder das vergangene Abstimmungsverhalten, bewertet.

Der Status von Abgeordneten entscheidet Ihren Einfluss auf die Gesetzgebung.

Allen Bewertungskriterien aus der Environment- und Attitude-Analyse (z. B. „Rolle in der Fraktion“ oder „Affinität zu Verbandsthemen“) wird auf Grundlage einer qualitativen Analyse ein Wert zwischen eins und zehn zugeordnet. Die einzelnen Bewertungskriterien werden gewichtet – entscheidend sind Ihre Kommunikationsziele des Verbands. Mithilfe dieser Einordnung stellen Sie sicher, dass sich auch die Endergebnisse an Ihren Kommunikationszielen ausrichten und die Ergebnisse nicht verzerrt werden. Abgeordnete mit einer hohen durchschnittlichen Punktzahl sind sehr wichtig für Ihre Verbandsarbeit, bei einer niedrigen Punktzahl sind sie eher zu vernachlässigen. Die LEA-Methode hilft Ihnen dabei, die wichtigsten Akteure zu priorisieren und das Lobbying in der Folge effektiver umsetzen zu können.

Alle Beteiligten müssen auf einer Wellenlänge sein.

Hausaufgaben machen, Abgeordnete überzeugen

Damit das Zeugnis für Ihren Verband am Ende der Legislaturperiode Bestnoten zeigt, sollte der Wahlabend als Startschuss für sämtliche Lobbying-Maßnahmen gelten. Eine gezielte Stakeholder-Analyse wie mit der LEA-Methode ist dafür unumgänglich. Denn weder Verbände noch andere Organisationen haben die zeitlichen und finanziellen Ressourcen, um 735 Abgeordnete über vier Jahre individuell zu erreichen. Je schneller Verbände die relevanten Abgeordneten für ihre Ziele identifizieren, desto eher können sie diese auch ansprechen – und profitieren unter Umständen von einem großen Wettbewerbsvorteil. Denn vor allem in der frühen Phase des Gesetzgebungsprozesses können Verbände ihre Standpunkte einbringen und die Ergebnisse mitgestalten.

David Denne
unterstützt bei ADVERB das Beratungsteam. Durch seine Erfahrungen aus Medien und Politik hilft er Verbänden bei redaktionellen Inhalten und der richtigen Ansprache von Verbandsmitgliedern.

Jetzt PDF downloaden: Diesen Artikel finden Sie im Verbandsstrategen Ausgabe #99 2021, S. 14.

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