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Heute schon an morgen denken

Erfolgreich an Branchennachwuchs kommen

„Heute schon an morgen denken!“ Dieser viel zitierte Spruch gilt auch in der Verbändewelt. So müssen sich viele Branchenverbände früher oder später mit dem gleichen Phänomen auseinandersetzen – dem schwindenden Branchennachwuchs. Denn geeignete Bewerber, und das in großer Anzahl, gibtt es in einigen Branchen schon lange nicht mehr. So ist jeder Verband verpflichtet, frühzeitig Maßnahmen zu ergreifen, um Schüler, Alumni oder andere Absolventen von einem Berufsbild zu überzeugen und für seine Mitgliedsunternehmen zu begeistern. Dieses Unterfangen ist jedoch leichter gesagt als getan. In Zeiten von World Wide Web, Social Media und anderen digitalen Kanälen erliegen Unerfahrene schnell der Versuchung, die klassischen Printmedien komplett zu vernachlässigen, um dem Mediennutzungsverhalten der jungen Generation gerecht zu werden. Jedoch zeigen aktuelle Studien, dass sich die Jugend bei der Berufswahl keineswegs in Schubladen stecken lässt. Sowohl Print- als auch digitale Medien haben ihre Vor- und Nachteile und finden Anklang bei den potenziellen Fachkräften von morgen. Es bleibt also die Frage: Wie und wo kann ein Verband den geeignetsten Branchennachwuchs finden?

Aus der Bravo-Ausbildungsstudie können hierzu konkrete Anhaltspunkte für Verbände und Mitgliedsunternehmen herausgezogen werden. Die Umfrage unter 1.500 Jugendlichen im Alter zwischen 10 und 19 Jahren gibt Aufschluss darüber, welche Informationskanäle für die Ausbildungsplatzsuche genutzt werden, was dem Branchennachwuchs bei der Arbeitsplatzwahl wichtig ist und welche Kriterien gegen eine Ausbildung sprechen. Schon bei der Frage nach dem geeigneten Informationskanal für die Ausbildungsplatzsuche wird deutlich, dass das Internet in den Top 5 zwar zweimal vertreten ist, die Schule jedoch mit 38 Prozent die erste Anlaufstelle bei der gedanklichen Auseinandersetzung mit der künftigen Berufswahl darstellt. Diese nur schwer greifbare Angabe kann mit der am dritthäufigsten genannten Antwort weiter eingegrenzt werden, wonach der künftige Branchennachwuchs das traditionelle Berufsinformationszentrum weiterhin als zuverlässige Informationsquelle nutzt. Auch der Rat der Eltern stellt mit 27 Prozent ein wichtiges Entscheidungskriterium für die Jugend dar.

 

Wo Sie Jugendliche ködern

Wo Sie Jugendliche ködern
Ein Verband sollte aus solchen Studien die Punkte herausziehen, die mit Eigeninitiative leicht beeinflussbar sind und/oder von Mitgliedsunternehmen mit eigenen Mitteln umsetzt werden können. Jeder dritte Suchende greift auf Ausbildungs-Websites zu, die dem potenziellen Bewerber das Berufsbild nicht nur oberflächlich, sondern idealerweise in allen positiven Facetten (Abwechslung, Aufstiegschancen, Arbeitsklima) aufzeigen. Die Unterseiten sollten zudem spezielle Tools bereithalten, die den Bewerber auf seinem Weg ins Unternehmen unterstützt bzw. mögliche Ausbildungsbetriebe vorgibt. Diese Hilfestellungen können auch durch Informationsmaterialien und Broschüren in gedruckter Form ergänzt werden.

Ein weiterer Trend, der sich aus den Ergebnissen der Studie erkennen lässt, ist das Bestreben der jungen Generation, persönlich mit dem potenziellen Arbeitgeber in Kontakt zu kommen. Jeder Fünfte sucht auf Ausbildungs- und Jobmessen nach dem Traumberuf. Fast genauso viele Jugendliche wollen durch Praktika erste praktische Erfahrungen sammeln und so ihren Entscheidungsprozess vorantreiben.
Neben dem Online-Auftritt und dem persönlichen Kontakt können Verbände und Mitgliedsunterunternehmen auch weiterhin mit klassischen Printmedien auf die potenziellen Arbeitnehmer zugehen. Denn unter den Top 10 der Informationskanäle bei der Bravo-Ausbildungsstudie bieten sich ausreichend Möglichkeiten, mit individuellen und auffälligen Informationsmaterialien aufmerksam zu machen, ob in der Schule, im Berufsinformationszentrum oder auf Ausbildungs- und Jobmessen. Bei allen Gelegenheiten bietet sich die Chance, aktiv auf die Jugend zuzugehen. Allerdings gibt es bei den Printmedien, auch wenn sie weiterhin ein probates Mittel zur Nachwuchsgewinnung sind, einiges zu beachten. Denn gerade in Flyern, Flugblättern oder klassischen Zeitungsannoncen fällt auf, dass häufig die falsche Ansprache gewählt wird. Die Anzeigen sollten so verfasst werden, dass sich die jungen Menschen angesprochen fühlen und die Aufmerksamkeit auf die Organisation gelenkt wird.

Ein Grund, auf Stellenanzeigen für junge Menschen in Tageszeitungen zu verzichten, ist, dass laut einer Studie von Statista im Jahr 2015 gegenwärtig nur noch knapp 25 Prozent der Jugendlichen täglich oder mehrmals in der Woche eine Tageszeitung lesen. Um diesen Missstand zu umgehen, kann die Stellenanzeige so formuliert werden, dass sie auch die Eltern der künftigen Arbeitnehmer anspricht. Sie können auf der einen Seite den Nachwuchs auf das Stellenangebot oder den Ausbildungsplatz aufmerksam machen und gleichzeitig bei eigenem Gefallen positiv auf ihre Kinder einwirken. Die Stellenanzeigen müssen daher so aufbereitet werden, dass Informationen klar und verständlich sind und weitergegeben werden können.

 

Welcher Köder schmeckt

Welcher Köder schmeckt?
Neben den verschiedenen Informationskanälen für den Erstkontakt zwischen Bewerber und Verband bzw. Mitgliedsunternehmen ist es auch wichtig zu wissen, was die ausschlaggebenden Motive für die endgültige Berufswahl sind. In der Studie votierten 93 Prozent dafür, dass der Job Spaß machen muss. Auf Platz zwei folgt mit 62 Prozent ein nettes Arbeitsklima sowie freundliche Arbeitskollegen. Nur knapp die Hälfte gab gute Verdienstmöglichkeiten nach dem Ende der Ausbildung als Entscheidungskriterium an.

 

Praxis anbieten
Eine willkommene Gelegenheit, den Branchennachwuchs besser kennenzulernen, sind Praktika. Immerhin 20 Prozent der Jugendlichen hielten das in der Bravo-Ausbildungsstudie für den geeigneten Weg, um erste Erfahrungen in einer bestimmten Branche oder einem speziellen Umfeld sammeln zu können. Dafür sind jedoch auch Stellen notwendig, die dem Praktikanten ermöglichen, in alle Arbeitsbereiche des Verbandes oder Unternehmens Einblick zu erhalten.

Da der Markt für geeignete und motivierte Praktikanten stark umkämpft ist, sollten Organisationen die offenen Praktikumsstellen offensiv bewerben. Ein gutes Beispiel dafür bietet der Deutsche Journalisten-Verband e. V. (DJV). Unter dem Unterpunkt Aus- und Weiterbildung steht dem Praktikant eine spezielle Checkliste zur Verfügung, die dem Bewerber Praktikumsinhalte, Rechten und Pflichten sowie das Anforderungsprofil des Berufes näherbringen. Zudem werden auch wichtige Fragen und Arbeitsinhalte für den Verband erläutert, die in einem Praktikum erfüllt werden müssen. In dem abschließenden Abschnitt „Ausblicke“ können Praktikant und Verband noch einmal prüfen, ob das Praktikum für beide Seiten zufriedenstellend verlaufen ist.

 

Kooperationen schließen
Als klassische Anlaufstelle für Arbeitsvermittlung und Informationsbeschaffung über Berufsfelder gilt nach wie vor die Bundesagentur für Arbeit. Sie gehört bei der jungen Generation zu den Top 3 der Informationsquellen. Bei dem direkten Herantreten als Verband oder Unternehmen an die Arbeitssuchenden gibt es jedoch einige Hindernisse
zu überwinden, wie es der Call Center Verband Deutschland e. V. (CCV) in einem Gemeinschaftsprojekt mit der Bundesagentur für Arbeit Berlin-Mitte erfahren musste.

Da die Mitgliedsunternehmen zum Großteil auf Bewerber aus dem zweiten Arbeitsmarkt zurückgreifen müssen, entschloss sich der CCV in Absprache mit den Arbeitsvermittlern, eine Busreise zu organisieren, bei der Interessierte an einer Tätigkeit in der Callcenter-Branche direkt in mögliche Arbeitsstellen gefahren wurden. Dort konnten die potenziellen Bewerber das Berufsbild kennenlernen und einen Eindruck gewinnen, was es bedeutet, in einem Callcenter tätig zu sein. Aufgrund von mäßigem Interesse der Bewerber und aus logistischen Gründen wurde das Projekt modifiziert, sodass fortan die Arbeitsvermittler zu speziellen Fachmessen der Branche eingeladen wurden, um das Berufsfeld näher kennenzulernen und ihre Erfahrungen an Arbeitssuchende weitergeben zu können.

 

Erlebnisse bieten
Die Präsenz auf Messen darf jedoch nicht nur auf Fachmessen beschränkt bleiben. Für nahezu alle Verbände ist es ratsam, auf Ausbildungs- und Jobmessen mit ihrer Organisation nach außen zu treten. Ein gelungenes Beispiel hierfür zeigt der Zentralverband Sanitär Heizung Klima, der neben dem Claim „Berufsorientierung zum Anfassen“ auch einen speziellen Messestand konzipiert, um Schüler für Berufe in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik zu begeistern. Der Messestand bot den Jugendlichen sowohl informative als auch interaktive Nutzungsmöglichkeiten. Während an der einen Stelle Lehrlinge von ihrem Arbeitsalltag berichteten, konnten an einer anderen Stelle bei der sogenannten Azubi-Rallye Interessierte neue Erkenntnisse über Materialbeschaffenheit bestimmter Bauteile erforschen oder kleine Installationsteile an speziellen Vorrichtungen montieren. Über die gewonnenen Eindrücke konnten die Schüler während der gesamten Messetage in Chill-out-Areas diskutieren.

 

Unterstützung anbieten

Unterstützung anbieten
Einen positiven Eindruck erzeugt bei der jungen Generation, wenn sich Verbände und Mitgliedsunternehmen aktiv und hilfsbereit für den Branchennachwuchs engagieren. Dazu gehört fast obligatorisch eine ansprechende Karrierewebsite, mit der sich die Jugendlichen umfassend über Berufe, Ausbildungsstätten und das Unternehmen informieren können. Das Best-Practice-Beispiel des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie e. V. überzeugt dabei mit einem kreativen Ausbildungsvideo, das dem potenziellen Bewerber auf witzige Art und Weise eine Tätigkeit in der Chemieindustrie erläutert. Im weiteren Verlauf der Karrierewebsite hat der Interessierte die Möglichkeit, mit einer vorgefertigten Suchmaske Ausbildungsbetriebe zu suchen, die in seinem Wohnumfeld Ausbildungsstellen anbieten. Hierfür muss nur seine Postleitzahl eingegeben werden.

 

Zielgruppengerecht denken
„Jeder braucht ihn – nicht jeder bekommt ihn!“ So oder so ähnlich könnte der Claim sein, wenn sich Verbände um den Branchennachwuchs bemühen. Ein Erfolgsgarant ist, die indirekten Faktoren wie Einstellungen, Mediennutzungsverhalten und Vorlieben der Jugendlichen so zu akzeptieren, wie sie sind, und diese kreativ für sich zu nutzen. Große Budgets braucht es nicht zwingend: Denn auf Informationswege, Online-Inhalte, ansprechendes Informationsmaterial, Präsenz auf Ausbildungs- und Jobmessen sowie das Bereitstellen von Praktikumsplätzen kann jede Organisation unmittelbar Einfluss nehmen – egal, welches Budget zur Verfügung steht. Aber der Köder muss dem Fisch schmecken.

von Oliver Kunze, ADVERB

 

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