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Über den Umgang mit Rechten

Demokraten stärkenDie Alternative für Deutschland (AfD) ist bereits in zahlreiche Landtage eingezogen. Aus der letzten Bundestagswahl 2017 ging sie mit 12,6 % als drittstärkste Kraft hervor und ist somit nun endgültig im deutschen parlamentarischen Alltag angekommen. Für die etablierten Parteien und Parlamentarier stellen sich nun die Fragen – Was jetzt? Welchen Umgang sollen wir mit der AfD pflegen?

Dieses Problem geht jedoch tiefer; es betrifft das gesamte politische Berlin. Kommunikationsexperten und Vertreter politischer Verbände müssen sich mit der Möglichkeit auseinandersetzen, einem Mitglied oder Vertreter der AfD bei verschiedensten Veranstaltungsformaten zu begegnen. Wir haben zehn Tipps zum Umgang mit der AfD zusammengestellt.

Nachfragen, Klarstellen, Grenzen setzen – gerade im digitalen Raum
Die AfD ist auf Facebook sehr stark präsent und nimmt mit 429.337 Likes (Stand: Oktober 2018) die parteipolitische Spitzenposition vor allen anderen im Bundestag vertretenen Parteien ein. Auf der Hauptseite wird explizit das bürgerliche Ideal gepflegt. Auf den kleineren Ebenen (Land, Kommune, einzelne Abgeordnete usw.) wird der Ton jedoch einschlägig rauer. Diese sind zum Teil geeignete Kanäle für rechtsextremistisches Gedankengut. Ein gezieltes Monitoring dieser Seiten kann für eine ausgefeilte Counter-Speech-Strategie hilfreich sein. Das heißt: Wenn Sie den Content dieser Seiten kennen, können Sie so gut Gesprächsstrategien für mögliche Interaktionen, sowohl für den öffentlichen als auch für den digitalen Raum vorbereiten.

Vermeiden Sie das Weitertragen von rechtsextremen Narrativen
Die AfD provoziert gezielt durch Sprache, um den Diskurs zu verrohen und so den Radius an „Sagbarem“ zu erweitern. Ausdrücke wie „Flüchtlingswelle“, „Lügenpresse“ und „Asyltourismus“ zeugen davon. Vermeiden Sie es unbedingt, diese Wörter – wenn auch im Zuge von Kritik – zu rezipieren. Werden sie von einer breiten Öffentlichkeit alltäglich verwendet, werden ihre menschenverachtenden Kerne weniger deutlich. Das Framing in der Sprache ist daher absolut unabdingbar!

Ich-Botschaften
Populistische Botschaften werden oft über Verallgemeinerungen verbreitet („das Frauenbild“, „der Islam“, „die Flüchtlinge“ usw.). Im direkten Kontakt wie beispielsweise in persönlichen Gesprächen oder Diskussionen auf Veranstaltungen kann es daher deeskalierend wirken, mit sogenannten Ich-Botschaften zu arbeiten, um das Gespräch nicht in polemische Verallgemeinerungen abgleiten zu lassen und eine aggressive, marktschreierische Grundatmosphäre zu vermeiden. Beispiel: „Ich verstehe, was Sie meinen. Ich empfinde es allerdings als menschenverachtend/zynisch/nicht zielführend …“ Als starker Verband können Sie auch von „Wir“ sprechen.

Einladungen
Die Einladungsverteiler zu Veranstaltungen bereiten Ihnen oft Bauchschmerzen? Verständlich, denn der Balanceakt im Umgang mit der AfD wird hier besonders deutlich. Bei Veranstaltungen, zu denen politische Vertreter eingeladen sind, werden in der Zukunft immer öfter auch AfD-Politiker zu sehen sein. Im politischen Berlin gehen die Meinungen auseinander, ob sie explizit eingeladen werden sollen oder nicht. Die meisten Kommunikationsverantwortlichen sind sich jedoch mittlerweile einig, dass es nicht zielführend ist, sie grundsätzlich auszuschließen.

Eigene Schwerpunkte setzen
Sind Sie dann erst einmal mitten im Gespräch, so ist es wichtig, den Gesprächsverlauf zu kontrollieren. Lassen Sie sich nicht zu einem polemischen Schlagabtausch herab! Hier ist es nun wichtig, die eigenen und relevanten Themengebiete und Schwerpunkte klar zu benennen und sich von diesem Leitfaden nicht abbringen zu lassen, um sich in einer Diskussion über das große Ganze zu verlieren.

Auf Brüche in Partei hinweisen (unklare Haltung zu Wirtschafts- und Sozialpolitik)
Die größte Schwäche der AfD sind ihre eklatanten inhaltlichen Differenzen zu beinahe jedem politischen Themenfeld neben der Innen- und Außenpolitik. Insbesondere im Bereich der Sozial- und Wirtschaftspolitik äußert die AfD sich im Vergleich zu anderen Parteien eher nebulös und unklar; im Parteiprogramm finden sich kaum konkrete Aussagen. Aufgrund der heterogenen Mitglieder- und Wählerschaft scheut die Parteispitze hier offenbar eine Festlegung, da es die Partei spalten würde. Dies kann bei Podiumsdiskussionen auch ein Einfalltor für Demokraten sein.

Medien als Verifikationseinheit stärken
Die sogenannte Lügenpresse und die Verschwörung der etablierten Medien gegen ihre Partei sind die Lieblingsthemen der AfD. Beginnend mit Thilo Sarrazins Werk „Deutschland schafft sich ab“, das die Grundlage zur heutigen Ablehnung der „Leitmedien“ stellte, empfinden heutzutage überproportional viele AfD-Anhänger die Berichterstattung der etablierten Medien als ihnen gegenüber feindselig und moralisierend. Auf der AfD-Facebook-Page werden nachvollziehbarerweise kaum Links zu externer Berichterstattung gesetzt. Es ist daher wichtig, sich in Statements, Handreichungen und Social-Media-Posts wieder verstärkt auf etablierte Medien zu beziehen, um ihre Position gezielt zu stärken.

Bei Online-Kampagnen mit Provokationen rechnen
Alice Weidel (AfD) sagte im Oktober 2016 über den bevorstehenden Bundestagswahlkampf: „Selbstverständlich werden Social Bots in unserer Strategie im Bundestagswahlkampf bedacht werden. Gerade für junge Parteien wie unsere sind Social-Media-Tools wichtige Instrumente, um unsere Positionen unter den Wählern zu verbreiten.“ Klar ist also, dass die AfD damit sympathisiert, ihre Positionen und Meinungen durch Social Bots und Trolls einer möglichst großen Öffentlichkeit zuzuführen. Gerade mit sogenannten Troll-Armeen ist es möglich, Shitstorms zu provozieren und somit politische Gegner zu verunsichern. Sollten Sie also eine polarisierende Veranstaltung planen oder sich öffentlich zu kritischen Themen äußern, seien Sie im schlimmsten Fall auf derartige Provokationen gefasst. Lassen Sie Ihre Mitarbeiter schulen, und entwickeln Sie schon im Vorfeld Wordings und Sprachbausteine für den Shitstorm.

Nicht provozieren lassen
Egal, in welchem Umfeld Sie bekennenden Rechtspopulisten oder AfD-Mitgliedern begegnen oder worüber Sie sich mit ihnen austauschen – die oberste Maxime für alle derartigen Interaktionen lautet: Ruhe bewahren! Lassen Sie sich nicht provozieren! Das Vereinfachen von Situationen, das ständige Wiedergeben von aus dem Kontext gerissenen Zitaten – all das sind die Markenzeichen des Populismus. Sie als Verbands- und Kommunikationsprofi lassen sich davon nicht beeindrucken.

Mehr Informationen finden Sie hier
Heinrich-Böll-Stiftung ePaper: „Linksgrün-versifft? Handreichung zum Umgang mit rechtspopulistischen Parteien und Wählerbündnissen auf kommunaler Ebene“, Kompetenzstelle gegen Rechtspopulismus des Stiftungsverbundes der Heinrich-Böll-Stiftungen 2012, online verfügbar unter www.weiterdenken.de

Amadeu Antonio Stiftung: „Positionieren, konfrontieren, streiten: Handlungsempfehlungen zum Umgang mit der AfD“, Initiativen für Zivilgesellschaft und Demokratische Kultur 2017, online verfügbar unter www.amadeu-antonio-stiftung.de

von Julia Stein, ADVERB

 

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– Jetzt pdf downloaden: Diesen Artikel finden Sie im Verbandsstrategen (Ausgabe #74 2018, S. 04).

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