ADVERB - » Hasskommentare

Hasskommentare

Ich habe beim Kommunikationskongress einen kurzen Input zum oben genannten Thema gegeben. Der Bitte, diesen zu veröffentlichen, komme ich gerne nach, möchte an dieser Stelle aber auch noch einmal betonen, dass das meine Strategie ist, mein Konzept und meine Handlungsanweisung für mich selbst. Jeder kann das gerne anders sehen, anders machen – wir leben ja in einem freien Land.

Und deshalb ist es mir auch wichtig zu betonen, dass das Netz eigentlich was Gutes ist. Die Zugangsbeschränkung fällt weg. Journalismus z. B. ist jetzt barrierefrei. Man braucht nicht mehr die Hilfe von Verlagen oder Sendern, um Inhalte zu bekommen oder um seine eigenen zu veröffentlichen. Zu Recht wird die Digitalisierung für diesen Dienst an der Demokratie und der Weiterentwicklung von Meinungs- und Pressefreiheit gefeiert.
Doch statt mehr Öffnung und mehr Pluralität, mehr Meinungsvielfalt und Breite, läuft die Sache leider in eine andere Richtung: Und die ist schlecht! Denn in den Filterblasen, in den zum Teil geschlossenen Gruppen blühen die Propaganda, die Falschinformation, die Hassrede.

Diese Entwicklung ist schade, denn noch einmal – das Internet und die sozialen Medien sind eine faszinierende Entwicklung. Sie helfen beim Informationsaustausch, bei der gemeinsamen Weiterentwicklung und auch bei der Verständigung, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und damit das alles nicht verloren geht, heißt es hingucken, mitmischen, einmischen, Präsenz zeigen, argumentieren. Womit wir bei meinem „dreckigen Dutzend“ wären.

Regel 1 Hinsehen

Nach etlichen Hasskommentaren denke auch ich manchmal: „Macht doch euren Scheiß ohne mich. Hätt’ ich mehr Zeit für meine Freunde, mein Leben. Und mein Leben wäre schlicht komfortabler.“ Kommt aber für mich nicht infrage.

Wir müssen beobachten, was da läuft, wahrnehmen, welche Richtung es bekommt, beurteilen können, welche Methoden dahinterstehen, wissen, wogegen man vorgehen muss, und das dann auch mutig tun. Wegducken gilt nicht.

Denn seien wir uns sicher: Auch wenn wir nicht hinsehen, andere tun es. Auch die, die sich selbst nicht mit Kommentaren äußern, die „stillen Mitleser“. Wenn die sehen, dass alles geduldet wird, Grenzen verschoben werden, Unsagbares sagbar und alles „legitimer“ wird, macht das auf Dauer etwas mit ihnen. Allerdings nicht das, was man sich als Zivilgesellschaft wünscht: Einmischung! Und wenn man sich einmischt, was dann?

Regel 2 Differenzieren

Und da sind wir ganz schnell bei dem Unterschied zwischen Meinungsäußerung und „Hate Speech“ angelangt. Bei klar erkennbaren Beleidigungen, rassistischen Äußerungen, Gewaltphantasien usw. ist es relativ leicht. Wir sollten uns aber hüten, etwas als „Hate Speech“ zu klassifizieren, nur weil es uns inhaltlich nicht passt. Problem: Die Sprache der „Hater“ wird geschickter, in sich unangreifbarer. Der Inhalt kann jedoch trotzdem wirklich übel sein. Ich würde das dann eher „Hate-based Speech“ nennen. Sie sehen, man lernt nie aus ;-) Daher…

Regel 3 Lernen

Auch wenn es Studien gibt, kann man nicht sagen: „So und so läuft das also“ und ein Rezept entwickeln, wie man damit umgeht.

Die Entwicklung von „Hate Speech“ im Internet ist dynamisch. Bleiben wir also stehen, analysieren nicht ständig neu und passen auch unser Verhalten im Umgang mit „Hate Speech“ und Manipulationsversuchen nicht an, werden wir irgendwann abgehängt, verlieren die Deutungshoheit und werden von Fake News erschlagen. Lernen ist und bleibt also wichtig!

Regel 4 Digitale Herausforderung

Man muss nicht alles hinnehmen, wenn man eine Seite bei Facebook betreibt, einen Account bei Twitter oder Instagram hat. Das Landgericht Frankfurt hat hierzu letzte Woche ein bemerkenswertes Urteil gesprochen.

Für mich folgt daraus: Die Definition einer eigenen digitalen Hausordnung/ Netiquette ist wichtig. Sie bietet dem Besucher auf meiner Seite einen klaren Rahmen, in dem er sich bitte in meinem „Online-Wohnzimmer“ bewegen soll.

Regeln aufzustellen ist eine wichtige Basis dafür, später dann auch handeln zu können. Medien sollten logischerweise solch eine Netiquette haben, aber vielmehr noch für die Einhaltung sorgen, um die Verbreitung von Hass von vornherein einzudämmen. Was oft genug daran scheitert, dass nicht genügend Ressourcen dafür zur Verfügung stehen. Also …

Regel 5 Ressourcen schaffen

Schaue ich durch die Kommentarspalten vieler Medien, so sehe ich das nicht in dieser Konsequenz. Warum? Sind viele Kommentare, viele Klicks per se gut? Hat man Angst vor dem Zensurvorwurf, wenn man hässliche Kommentare nach klaren Regeln nicht zulässt? Wenn man sich nicht zur Plattform für geballte Ladungen manipulativer Botschaften macht? Scheitert das an dem Geschäftsmodell?

Es erfordert Mut, Grenzen zu setzen. Es kostet Geld, Ressourcen einzusetzen. Aber die Verantwortlichkeit, sich nicht zum Handlanger der Hassenden zu machen, ist nicht delegierbar. Delegierbar ist übrigens auch nicht die Sorgfaltspflicht denen gegenüber, die den ganzen Schrott lesen, löschen und blockieren müssen. Kümmern Sie sich um ihre Angestellten und um sich selbst. Digitale Hygiene ist wichtig!

Regel 6 Das Internet geht mich was an

Ich erlebe viel zu oft, dass Menschen sagen: „Das geht mich nichts an, ich bin nicht bei Facebook oder wo auch immer. Das tue ich mir nicht an. Da bleibe ich lieber im realen Leben!“

Ich glaube, die Zeit, so klar zwischen Social Media im Netz und dem realen Leben trennen zu können, ist vorbei. Das, was an Parolen ins Netz geflutet wird, begegnet mir längst schon auf der Straße und nicht nur mir. Die Hemmschwellen sinken.

Der Tagesspiegel berichtete im August von einer Studie, die die Korrelation zwischen der Anzahl flüchtlingsfeindlicher Kommentare bei Facebook und tatsächlichen flüchtlingsfeindlichen Übergriffen in Gemeinden mit hoher Facebook-Nutzung untersuchte. Es gibt noch methodische Kritik an dieser Studie, ein Alarmsignal ist sie aber allemal.

Man ist also heute gut beraten, nicht wegzusehen, das Internet nicht für einen abgeschlossenen Raum zu halten, sondern sich hineinzubegeben und schlau zu machen, was sich dort für Stimmungen ausdrücken. Und dann?

Regel 7 Nicht schweigen

Wir haben schon festgestellt, dass der Hass im Netz zu einem erheblichen Teil organisiert ist. Man will Masse produzieren, um zu suggerieren, es gebe eine erhebliche Anzahl an Menschen, die die herausgeplärrten Parolen verinnerlichten. Man will die Meinungshoheit.

Es erfordert Mut, Kraft und auch Zeit, sich zu äußern. Dagegenzuhalten. Egal, ob im Netz oder im realen Leben. Und das ist wichtiger denn je.

Das heißt also:
1. stille Mitleser, Freunde, Kollegen motivieren und
2. aktive Schreiber unterstützen.
Denn es kommt auf jede Stimme an, wenn man der Masse etwas entgegensetzen möchte, wenn man das #wirsindmehr erlebbar machen möchte. Und dann stellt man fest:

Regel 8 You are not alone

Es gibt tolle Initiativen im Netz, die sich Hass, Manipulation und Fake News entgegenstellen. Das „No Hate Speech Movement“ zum Beispiel oder das „Counter Speech Forum“, #ichbinhier, „Reconquista Internet“ und noch viele mehr.

Möchte man sich also gegen den Hass stellen, kann man in diesen Gruppen Mut schöpfen, Hilfestellungen erhalten, es gibt viel Wissen rund um das Thema Counter Speech und auch zu vielen Sachverhalten. Viel wichtiger aber noch: Äußert man sich dort, wo der Hass seinen freien Lauf zu haben scheint und man erhält polemische Gegenwehr oder gar persönliche Angriffe, helfen andere mit. Sachlich, ohne Schaum vor dem Mund. Und wie geht das? Am besten mit …

Regel 9 Fakten

„Hate Speech“ lebt von Parolen, Halbwahrheiten, Lügen, Umdeutungen, Fake News. Damit will man versuchen, Stimmungsbilder zu erzeugen und den Lesern zu suggerieren, es entstehe etwas „Großes“ oder „Bedrohliches“, was eigentlich jeder Basis entbehrt.

Daher: her mit den Fakten. Allerdings: Wahrheit braucht (manchmal) Zeit.
Also keine Spekulationen verbreiten, zur Not innehalten und erst einmal selbst recherchieren. Belegte Fakten kann man dann beruhigt in seine Kommentare übernehmen. Fakten sind etwas, auf das die „Hate Speech“-Spezialisten ganz furchtbar allergisch reagieren. Meist versuchen sie dann, auszuweichen und „whataboutism“ zu betreiben. Hartnäckig bleiben, diese Leute immer wieder zum Thema zurückführen, immer entlang der Fakten argumentieren und Lügen als das enttarnen, was sie sind.

Auch Autoren von Nachrichten können mithelfen: Je nachlässiger oder verkürzter nämlich eine Nachricht formuliert wird, desto eher bietet sie den „Hatern“ eine Möglichkeit, mit ihren (Um-)Deutungen gezielt aufzuspringen und die Nachlässigkeit für sich zu nutzen.

Regel 10 Prävention

Gerade bei Facebook ist es verführerisch, viel über sich preiszugeben. Daher:
Jeder sollte sein Profil daraufhin überprüfen, was er wirklich öffentlich zeigen möchte. Selbst Facebook bietet zahlreiche Möglichkeiten, nur seinen „Freunden“ den Zugriff auf seine Bilder, seinen Wohnort, seinen Schulbesuch, seine Beiträge usw. zu erlauben.

Und natürlich ist und bleibt es wichtig, seine Zugangsdaten sicher zu gestalten. Denn wird man erst einmal Ziel von Angriffen, schrecken diese Angreifer auch nicht vor Hacking-Versuchen zurück. Ich weiß, wovon ich rede. Wer also den Mut hat, sich gegen den Hass zu stellen, ist nicht feige, wenn er seine Daten präventiv schützt, sondern weise. Und was, wenn man tatsächlich beleidigt, bedroht oder sonst wie angegriffen wird?

Regel 11 Konsequenz

Ich atme viel. Ich antworte mit Fakten, Humor, Sarkasmus, und manchmal reagiere ich bestimmt auch mal etwas empfindlich. Aber irgendwann reicht es einfach. Man muss sich nicht allem aussetzen. Man kann löschen und blocken. Ich tue es ungern, weil ich wissen möchte, was so los ist, aber es ist völlig legitim, das zu tun.

Sie können zudem Hassrede, Aufrufe zu Gewalt usw. melden. Sie können das Netzwerkdurchsetzungsgesetz nutzen, auch wenn es da wirklich noch Verbesserungsbedarf gibt. Aber die Grundidee ist richtig, denn Hass ist keine Meinung, und Meinungsfreiheit ist nicht Hassfreiheit. Zur Konsequenz gehört auch der letzte Schritt. Und der heißt, wenn es ganz schlimm wird: Anzeige erstatten und juristisch vorgehen, wo es geht.

Regel 12 Achtsamkeit

Das bedeutet ganz einfach: Man muss sich den Hasskommentaren nicht immer widmen. Man darf, ja man muss auch abschalten, und das meine ich im wahrsten Sinne des Wortes.

So toll ich jeden finde, der sich im Netz und im realen Leben Hass, Manipulation, Rassismus und Machtmissbrauch entgegenstellt: Jeder hat nur ein Leben und muss auch immer wieder auftanken und gesund bleiben. Auch ich. Den Satz hat mir ein Freund ins Manuskript geschrieben… ;-) Und wenn man dann Regel 8 beherzigt, Sie wissen schon: „You are not alone“, dann kann man sich in der guten Gewissheit, dass es auch mal ohne mich weitergeht, zurückziehen und weiter an seiner Zuversicht arbeiten, dass irgendwann die Vernunft siegt – und Regeln dieser Art vielleicht nicht mehr nötig sein werden.

von Dunja Hayali, Moderatorin und Journalistin

Dunja Hayali hielt am 28.09.2018 beim Kommunikationskongress in Berlin die Keynote mit dem Titel „Das dreckige Dutzend – 12 Regeln im Umgang mit Hasskommentaren!“.

Dieser Text ist eine Zusammenfassung, die sie auf ihrem Facebookprofil (30.09.2018, 12.13 Uhr) veröffentlichte.

 

Weitere Informationen
– Jetzt solche Artikel abonnieren: Greifen Sie zu, und tragen Sie sich für ein kostenloses Frei-Abonement des „Verbandsstrategen – Servicemedium für professionelle Verbandskommunikation“ ein.
– Jetzt pdf downloaden: Diesen Artikel finden Sie im Verbandsstrategen (Ausgabe #74 2018, S. 14).

Merken


Datenschutzerklärung